
Das mit Spannung erwartete Sachsen-Anhalt Derby in der 1. Regionalliga Nord der Herren zwischen den BSW Sixers und der BG Magdeburg endete am Samstagabendmit einem klaren 86:69-Erfolg für die Sixers. Auf beiden Trainerbänken saßen dabei US-Amerikaner. Mit Keith Gray (Sixers) und Michael Mai (Magdeburg) halten zwei engagierte Coaches die Fäden bei ihren Teams in den Händen. Was lag also näher, als die beiden Exil-Amerikaner einige Tage vor dem Derby zusammentreffen zu lassen und sie über Basketball, ihre Erfahrungen in Deutschland sowie natürlich einen Ausblick auf das Derby zu befragen.
Eines wurde dabei schnell deutlich: Während in dem früheren Bundesliga-Profi Gray, der mit 65 Punkten in einem Spiel bis heute einen aktuellen Erstligarekord hält, noch immer das Herz des Spielers schlägt, verkörpert Michael Mai, der seine Karriere auf dem Feld verletzungsbedingt früh beenden musste, einen ganz anderen Trainertypus.
Vom Spieler zum Trainer, wann war der Punkt, an dem sie entschieden haben, vom Feld auf die Bank zu wechseln?
Gray: (lacht) Das konnte ich mir eigentlich nie vorstellen. Ich wusste immer, dass es schwer werden würde, jemanden zu trainieren, der nicht wie ich damals als Spieler alles aus sich herausholt, nicht auf dem höchsten Level spielt. Das hat es mir in meiner bisherigen Trainerkarriere nicht gerade einfach gemacht. Ich verlange sehr viel, aber ich lerne mittlerweile auch dazu. Als Coach musst du die Leute trainieren, die im Team sind, nicht jeder kann ein großartiger Spieler werden. Am Ende wollte ich einfach wissen, ob ich es hinkriege, ein guter Coach zu sein.
Mai: Mit 25 hatte ich schon viel Basketball hinter mir, einige schwerere Verletzungen und habe gespürt, dass mein Körper diese Belastung auf Dauer nicht mehr aushält. Doch Basketball war ein großer Teil meines Lebens und ich wollte ihn nicht aufgeben. Auf einer meiner Touren mit einem Showteam habe ich gesehen, welch großen Einfluss man als Trainer auf eine Gruppe von Menschen haben kann. Das war für mich eine Vision, der ich gefolgt bin.
Sie leben nun beide schon viele Jahre in Deutschland, können sie sich noch an ihre ersten Eindrücke erinnnern?
Mai: Das war im Jahr 1995, als ich mit meinem Collegeteam nach Deutschland gekommen bin. Wir haben ein Camp in Lörrach absolviert und später eines in Chemnitz. Ich weiß noch genau: Ich bin aus dem Flugzeug gestiegen und habe in den ersten zwei Stunden der Zugfahrt vier Filme für meinen Fotoapparat verbraucht. Es gibt hier so viele Sachen, die Amerikaner nicht kennen: In Deutschland stehen Kirchen, Schlösser oder Häuser die gebaut wurden, hunderte Jahre bevor Amerika überhaupt erst gegründet wurde. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Und ich erinnere mich an die freundlichen Menschen hier, die uns so freundlich aufgenommen haben. Und natürlich an mein erstes Schnitzel.
Gray: Ich bin 1987 nach Deutschland gekommen und habe mich sofort sehr wohl gefühlt. Vorher bin ich ein Jahr auf den Philippinen gewesen und das war schon ein riesiger Unterschied. Das ganze soziale System, die Art und Weise, wie man sich um mich als Spieler gekümmert hat, das hat mich schon beeindruckt.
Nach all den Jahren, was mögen sie an Deutschland am meisten? Und was stört sie?
Mai: Es mag etwas altmodisch klingen, aber ich schätze die Möglichkeiten, die Deutschland mir bietet. Dabei meine ich nicht nur die Tätigkeit als Trainer, sondern auch die kurzen Entfernungen. In fünf Stunden kannst du in fünf verschiedenen Ländern sein und so viele Dinge erleben und Menschen treffen. Alles ist sehr nah.
Was ich wirklich mag und gleichzeitig auch nicht mag: Die Freundschaften hier in Deutschland sind sehr eng und tief, auf der anderen Seite ist es sehr schwer, welche zu schließen. In Amerika kannst du einen Freund im Fahrstuhl zwischen der ersten und zweiten Etage finden, aber hier sind die Menschen eher reserviert und schauen dich eher etwas verwirrt an, wenn du sie im Fahrstuhl grüßt. Es ist manchmal hart für mich, sich daran zu gewöhnen.
Gray: Die Gesellschaft ist hier geschlossener. Es dauert länger, bis du in eine Gruppe hineinkommst, es braucht alles mehr Zeit.
Keith Gray lebt nun seit dem Sommer in einer kleinen Stadt namens Sandersdorf. Ist das ein Problem?
Gray: Ich bin eigentlich eher ein Großstadt-Typ, und klar, in Sandersdorf läuft das alles einen Tick ruhiger ab. Sehr viel ruhiger. (lacht) Aber es stört mich nicht, ich kann damit umgehen.
Zurück auf das Spielfeld: Welchen Eindruck haben sie über die Jahre vom deutschen Basketball gewonnen?
Gray: Ich bin jetzt seit 22 Jahren in Deutschland und ganz ehrlich: Ich kann keinen wirklichen Fortschritt erkennen. Was fehlt, ist eine konsequente Nachwuchsförderung. Die neu eingeführten NBBL und JBBL sind gute Ideen aber es fehlt die finanzielle Basis. In Amerika wird soviel Geld in Highschools und Colleges investiert, dort wird die Basis für erfolgreichen Basketball gelegt. Es ist in Deutschland zu wenig Geld für den Nachwuchs vorhanden und dann sind im deutschen Basketball-System aus meiner Sicht auch einige wichtige Dinge nicht in Ordnung.
Warum zum Beispiel existieren keine Sommerligen? Wenn die Saison vorbei ist, macht jeder Ferien. Dann verstehe ich nicht, warum man in der ersten Liga so viele Amerikaner spielen lässt. Es ist doch deutscher Basketball, oder? Es müssten mehr Deutsche dort spielen, auch um für den Basketball zu werben. Es kann nicht sein, dass das nur Dirk Nowitzki tut, der auch noch in Amerika spielt. Und wo ist der nächste Dirk? Hat das bisherige Nachwuchs-Förderungs-System einen neuen hervorgebracht? Irgendwas läuft da nicht richtig.
Mai: Eine der großen Stärken im US-Sport ist die Begeisterung um das Spiel herum. Dafür wird viel getan in Amerika und das lockt immer wieder viele Jugendliche an. Deutschland hat da Nachholbedarf.
Doch man muss sich auch fragen, welche Perspektiven junge Spieler in Deutschland haben. Wenn ich zu einem jungen Spieler in meinem Club gehe und ihm sage, er soll hart arbeiten, was ist dann für ihn drin? In Amerika geht es um Prestige an der Highschool, eventuell ein Stipendium am College und für die allerbesten sogar um einen lukrativen NBA-Vertrag. Das ist eine Perspektive. Aber in Deutschland? Wenn du dich reinhängst, schaffst du es vielleicht in die Pro A und verdienst tausend Euro im Monat. Das ist keine große Motivation.
Doch es geht nicht nur um das Geld, sondern auch um fehlendes Prestige und Anerkennung. Wenn du in Magdeburg auf die Straße gehst und sagst, ich bin ein Basketballspieler, dann antworten neun von zehn Leuten: Was, es gibt ein Basketballteam hier in Magdeburg? Wir spielen vor 200 bis 300 Leuten unsere Heimspiele, in Amerika kommen selbst bei den Highschool-Spielen tausende. Wir müssen den Nachwuchsspielern Perspektiven bieten, die sie reizen. Dann wird auch das Niveau steigen.
Welchen Einfluss hat man als US-Coach auf die Entwicklung in Deutschland?
Gray: Michael und ich oder zehn andere Trainer aus Amerika können den deutschen Basketball nicht auf das nächste Level heben. Das könnten nur Leute wie Detlef Schrempf oder Dirk Nowitzki, wenn sie hierher zurückkommen würden. Svetislav Pesic hat 1993 als ausländischer Trainer mit dem deutschen Team den EM-Titel gewonnen, aber was ist danach passiert? Nichts. Ich sage es immer wieder: Das hier ist deutscher Basketball. Nur die Deutschen selbst können ihn voranbringen. Wir als Amerikaner bringen unsere Erfahrungen ein, versuchen mit unseren Mannschaften Spiele zu gewinnen. Aber hilft das dem Nachwuchs? Machen wir damit die NBBL besser?
Mai: Einer der Nachteile des Wettkampfsystems ist eben, dass es manchmal nur um schwarz oder weiß geht, um gewinnen oder verlieren. Den Jugendlichen beizubringen, dass zu gewinnen das einzige Ziel ist, dass jede Niederlage ein Scheitern bedeutet, ist die falsche Botschaft.
Ich glaube, dass es verschiedene Arten für eine Mannschaft gibt, Erfolg zu definieren. Natürlich würden wir in Magdeburg auch gern so oft wie möglich gewinnen und aufsteigen. Aber manchmal kämpft man dann so sehr um ein Ziel, das man auf dem Weg dahin anfängt zu straucheln und aus dem Tritt kommt. Deshalb versuchen wir ganz einfach immer unser Bestes zu geben und im Training und Spiel hart zu arbeiten. Das ist unser Fokus, der Rest ergibt sich dann. Kann ich deswegen besser mit Niederlagen umgehen? (lacht) Natürlich nicht, ich hasse sie, ärgere mich heute noch über unnötig verlorene Spiele, die schon lange her sind. Aber man muss auf das große Ganze schauen: Hat sich das Team weiterentwickelt? Haben sich die Spieler verbessert?
Damit sich der deutsche Basketball wirklich entwickelt, glaube ich, müssen wir nicht nur die großen Standorte stärken. Was dem Land fehlt, sind gute Programme in den mittleren Ebenen, eine breite Mittelklasse, aus der die besten Talente dann herausgepickt werden. Schaffen es die Verantwortlichen, hier mehr Begeisterung und Interesse zu generieren, würde das die deutsche Basketball-Landschaft komplett verändern.
Immer das Beste geben und am Ende schauen was herauskommt - diesen Luxus gibt es in Sandersdorf nicht.
Gray: Nein. Jedes Team, jeder Verein definiert eben Erfolg anders. Die Sixers haben sich den Aufstieg zum Ziel gemacht und davon sind wir noch ein großes Stück entfernt. Es hapert noch am Zusammenspiel und es ist mein Job, dieses Problem zu lösen. Wir haben sieben oder acht Spieler, die 15 Punkte machen können und die Aufgabe heißt zu klären, wer die drei sind, die im Spiel dann eben jeweils 15 machen - und welche drei nicht.
Natürlich wäre ich auch lieber in einer Situation wie Michael, dass ich ein Team entwickeln kann. Doch bei den Sixers hat man ein Team auf einen Schlag zusammengestellt. So etwas benötigt normalerweise Zeit, um zusammenzuwachsen. Diese Zeit haben wir aber nicht - denn dem entgegen steht unser Saisonziel. Wir müssen sofort gut sein, in jedem Spiel.
Das gilt natürlich nicht zuletzt für das Derby. Wer verliert, verabschiedet sich vorerst von der Tabellenspitze. Welche Tatktik haben sie sich zurecht gelegt?
Gray: Bitte Michael zuerst fragen. (lacht)
Mai: Es wird sehr hart für uns. Man kann nicht sagen, wir müssen ihr Außen- oder Innenspiel stoppen, dann haben wir sie im Griff - denn sie sind von überall gefährlich. Wie stoppt man acht Leute, die alle für 15 Punkte gut sein können? Das ist eine Herausforderung. Aber ich würde nicht anreisen, wenn ich nicht an unsere Chance glauben würde.
Gray: Wir werden um diesen Sieg kämpfen müssen und haben Respekt vor Magdeburg. Wer am besten verteidigt, wird gewinnen.
Angenommen, sie könnten vor dem Anpfiff einen Spieler des Gegners für ihr Team auswählen. Wer wäre das?
Mai: Ich würde den Sixers-Trainer nehmen - als Spieler. Wenn Keith das Gleiche über mich sagt, wäre er verrückt.
Gray: Ich denke, ich würde mich für einen Point Guard entscheiden.
Im Baseball gibt es für einen Pitcher das “Perfect Game”, ein perfektes Spiel ohne jeden Fehler. Wie sieht für Keith Gray und Michael Mai ein perfektes Basketball-Spiel aus?
Mai: Ich liebe es, wenn zwei gute Teams vierzig Minuten lang alles aus sich herausholen. Mir ist ein intensives Spiel mit zweimal Verlängerung , in dem jeder alles gibt, lieber als ein klarer Erfolg.
Gray: Schon als Kind wollte ich immer um irgendetwas spielen. Meisterschaften, Pokale. Wenn es um einen Titel geht, wenn viel auf dem Spiel steht, dann ist es perfekt.
Das Gespräch führten Thomas Schaarschmidt und Christian Kattner.
